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Packraft als Frachtpendel oder Seilfähre...
Wie sich der Fluss Uch-Köl mit einem kleinen Schlauchboot queren ließ

Zwei Männer, zwei Fahrräder, sechzig Kilogramm Gepäck und ein reißender Fluss, der unmöglich zu Fuß zu queren ist... wie kommt man da rüber? Mit einem Schlauchboot, klar – wir hatten eins dabei, allerdings war es zu klein, um zwei Passagiere aufzunehmen, vor allem bei solch wildem Wasser. Also wie jetzt? Die Idee war folgende: wir nutzen das Boot als Pendel! Inspiriert hat uns der Bericht einer russischen Reisegruppe aus dem Jahre 2003:
veloservis.ur.ru/blog/1153-tianshan.html
Sie waren dort, wo wir hin wollten: am Uch-Köl im abgelegenen Osten Kirgistans. Um von Inylchek nach Karasay zu gelangen, muss man mindestens einmal diesen Fluss durchqueren. Hunderte Kilometer Umweg wären die Alternative, falls dies nicht gelingen sollte... Nun, die russische Gruppe um den erfahrenen Kirgistan-Radabenteurer Vasilij Klein, war gut vorbereitet – mit aufblasbaren Kunststoffbällen, die sie vor Ort mit Holzstangen zu einem Zwischending aus Floß und Raft zusammenbauten. Und da dieses Selbstkonstrukt stakend nicht so gut zu steuern war, hat man sich auch noch die Pendelmethode ausgedacht. Dazu bindet man das Floß an ein Seil und lässt es in der Strömung zwischen den Flussufern hin und her treiben. Um die Seiten zu wechseln, wirft derjenige, bei dem das Floß gerade ist, das Seil mit einem Stein hinüber, so dass derjenige, zu dem das Floß soll, es hinüberziehen kann. Nach und nach lassen sich auf diese Weise das Gepäck, die Räder und zum Schluss auch noch die letzten Passagiere überführen.
Soviel zur Theorie. Der erste Schritt zur praktischen Umsetzung bestand nun in der Beschaffung eines schwimmfähigen Objekts. Ein Floss aus Bällen zu bauen erschien uns nicht sehr praktikabel. Wir wollten ein richtiges Schlauchboot, und zwar ein leichtes, transportables und zugleich robustes. Unsere Wahl fiel recht schnell auf ein Packraft von "Alpacka" – ein superleichtes und sicheres Schlauchboot, mit dem man eigentlich weit mehr machen kann, als nur einen Fluss zu queren. Schließlich schafften wir uns beide ein Packraft an: ich einen Zweisitzer, mein weißrussischer Kompagnon Dima einen Einsitzer. Aus Gewichtsgründen nahmen wir dann aber nur den Einsitzer mit nach Kirgistan.

Als wir den Fluss Uch-Köl an seiner Furt erreichen, flößen uns die reißenden Wassermassen ordentlichen Respekt ein. Bis zu jenem Zeitpunkt war ich noch der Überzeugung, dass sich irgendein Weg finden würde, den Fluss auch ohne Boot zu queren. Doch ein Dauerregen zwei Tage zuvor hat den Wasserpegel mächtig anschwellen lassen. Zudem sind die Berggipfel von einer dicken Schicht Neuschnee überzogen, so dass es wohl noch eine Weile unablässigen Nachschub an Tauwasser geben würde. Dima lässt sich schnell entmutigen und meint: "impossible, very dangerous, even with boat". Ich dagegen denke mir: hey, wir haben ein Boot – klar kommen wir da rüber! Egal wie lange es dauern würde, wir sollten es versuchen...
Genau das tun wir dann am nächsten Morgen auch. Zunächst inspizieren wir genauestens den verbuschten Uferbereich mit seinen Zugangsmöglichkeiten zum Wasser und schauen, wo der Fluss nicht so stark strömt und wo er gleichzeitig auch nicht allzu breit ist. Den ersten Nebenarm durchwaten wir zu Fuß, dann bringen wir all unsere Ausrüstung über eine 300 Meter lange Schotterbank bis an den Punkt, an dem wir das Boot als Pendel nutzen wollen. Hier ist der deutlich tiefere Hauptarm etwa 30 Meter breit und die Fließgeschwindigkeit noch moderat. Jedoch folgt nur wenig flussab ein tosendes Wildwasser mit halbmeterhohen Wellen. Was, wenn das Boot beim Überführen dort hineingerät? Wir denken nicht viel darüber nach – die ganze Aktion ist eine Premiere: wir kennen die Methode nur aus der Theorie und dies wird unsere erste Praxisanwendung.
Dima paddelt als erster über den Hauptarm zu einer kleinen Schotterinsel, die gerade so aus dem Wasser schaut. Um diese nicht zu verfehlen, muss er etwa 150 Meter flussaufwärts einsteigen und mit dem Doppelpaddel ziemlich schnell rotieren. Nun bin ich an der Reihe. Ich habe ein 100 Meter langes Seil dabei – aus dem Material Dyneema, zwei Millimeter dick, aufgerollt kaum größer als ein Tennisball und nur 200 Gramm schwer – aber stark genug, um etwa 400 Kilogramm Zugkraft standzuhalten. Sorgfältig rolle ich das Seil ab, lasse Meter für Meter in großen Schlaufen neben mir auf den Boden nieder und binde das Ende an einen Stein. Bei einem Testwurf hatte ich locker die kleine Schotterinsel erreicht und schleudere nun zuversichtlich den Stein mit dem Seil hinüber... Platsch! Er fällt einige Meter vor Dima ins Wasser und wird sofort von der Strömung abwärts gerissen. Ich halte das andere Ende des Seils und ziehe den Stein zurück. Dabei verkantet er sich im felsigen Flussgrund. Ich zerre wie ein Wilder, bis sich der Stein vom Seil löst.
Also das ganze Spiel von vorn. Dummerweise hat sich das Seil beim Wurf übel verfitzt. Eine halbe Stunde versuche ich es wieder in einen brauchbaren Zustand zu bringen, während Dima auf der anderen Seite neben seinem Boot wartet und wartet... Irgendwann gebe ich auf und kappe den verfitzten Teil – schätzungsweise 30 Meter gehen verloren. Aber die übrigen 70 Meter Seil sollten noch ausreichen, vorausgesetzt, ich stelle mich beim nächsten Wurf besser an. Jetzt lege ich das Seil, das eigentlich wie eine Schnur ist, in großzügigen Längen ins Wasser, damit es von der Strömung parallel gehalten wird. Zwei Millimeter sind einfach zu dünn, ein dickeres Seil hätte sich einfacher handhaben lassen.
Dann der zweite Versuch: ich hole weit aus und gebe alles, damit der Stein endlich bei Dima ankommt... Platsch! Wieder fällt er nur knapp vor ihm ins Wasser – diesmal hatte ich das Seil nicht weit genug ausgerollt. Ich ziehe es zurück, lege wieder ein paar Längen ins Wasser und versuche es zum dritten Mal. Mit aller Kraft werfe ich den Brocken in Dimas Richtung... Platsch! Es ist zum verrückt werden! Wieder einmal landet er im Wasser – diesmal so dicht vor seinen Füßen, dass er ihn fast greifen kann, doch die Strömung ist schneller und treibt ihn mit dem Seil sofort flussabwärts. Beim Testwurf war es so einfach, doch jetzt erscheint das andere Ufer irgendwie unerreichbar. Das Gewicht des Seils und der Widerstand beim Austritt aus dem Wasser sind offenbar nicht zu vernachlässigen. Beim vierten Versuch gehe ich soweit wie möglich ins tosende Wasser – bis zu meinen Oberschenkeln umströmt mich der kalte Fluss. Mein Arm schwächelt schon ein wenig, allmählich geht es ums Ganze. Ich hole noch einmal in einem großen Bogen aus und... Klack! Der Stein mit dem Seil landet endlich bei Dima auf der Schotterinsel.

Jetzt beginnt die eigentliche Arbeit. Während ich das eine Ende des Seils halte, zieht Dima das andere Ende durch eine Schlaufe am Bug des Bootes. Da wir noch genug Seil haben und weitere Steinwürfe wenig Erfolg versprechend wären, fixiert er das Boot an der Mitte des Seils – so können wir es wie eine Seilfähre hin und her ziehen. Die Kommunikation erfolgt intuitiv, denn wir können uns aufgrund des ohrenbetäubenden Flussrauschens nicht verstehen. Lediglich per Handzeichen oder Zunicken vermitteln wir hin und wieder unsere Zustimmung. Dann lässt Dima das Boot langsam in die Strömung gleiten, während ich gleichzeitig dafür sorge, dass es allmählich in meine Richtung wechselt. Dabei gerät es unvermeidlich in die Stromschnellen und tanzt wie wild auf den Wellenbergen. Konzentriert halte ich das Seil und kann mich dem Gedanken nicht erwehren, dass wir Teile der Ausrüstung oder gar das ganze Boot verlieren könnten. Letzteres wäre wohl die Katastrophe schlechthin – ich auf der einen Seite, Dima auf der anderen, und wahrscheinlich nur einer mit dem Privileg, ein Zelt und einen Schlafsack bei sich zu haben... Schluss mit der Angstmacherei – wer optimistisch denkt, wird auch Erfolg haben, rede ich mir ein.
Als das Boot endlich meine Seite erreicht, legt sich der Puls und ich beginne mit dem Verladen der ersten Gepäckstücke. Einiges hatte ich schon in wasserdichte Säcke verpackt – das kommt als erstes rein. Mit einem zweiten Seil und Gepäckriemen wird alles verzurrt und zusätzlich noch mit Karabinern an einer Schlaufe gesichert. Ich will noch ein Fahrrad raufpacken, aber Dima macht mir deutlich, dass wir es erstmal mit geringerem Gewicht versuchen sollten. Ja, Recht hat er – schon am leeren Boot musste ich mächtig zerren, um es stromauf in meine Richtung zu bekommen. Nun bin ich es aber, der es langsam stromab auf den Fluss hinaus lässt, während Dima seinen Teil des Seils aufrollt. Als unsere kleine Seilfähre wieder in die Stromschnellen gerät, komme ich ins Schwitzen und halte mit aller Kraft gegen. Ich habe das Gefühl, dass die Strömung das Boot jeden Moment unter die Wasseroberfläche drücken will. Doch als ich nachgebe und es einfach über den Wellenberg gleiten lasse, spüre ich, wie der Druck wieder nachlässt. Wie so oft auf Reisen, ist es auch hier besser, den Kräften der Natur zu folgen, als gegen sie anzukämpfen.
Kurz darauf hat Dima das Boot auf seine kleine Insel gezogen und lädt das Gepäck bei sich ab. Die wasserdichten Säcke kommen wieder zurück ins Boot und schon geht die Reise wieder auf meine Seite. Insgesamt fünfmal lassen wir unsere Seilfähre pendeln, bis wir die komplette Ausrüstung und die Fahrräder drüben haben. Mit der letzten Fracht schicke ich Dima einen Zettel mit der Bitte, mir die Paddel zukommen zu lassen – ich will selbst die Seiten wechseln und nicht wie ursprünglich vorgeschlagen, im Boot liegend hinübergezogen werden, das erscheint mir nun doch zu heikel... Er sieht es zum Glück genauso. Als das Boot mit Paddel zu mir zurückkehrt, lässt Dima sein Ende des Seils ins Wasser fallen. Ich rolle es auf und begebe mich mit dem Boot durch das dornige Ufergebüsch an die Stelle, von der auch Dima zur Überfahrt gestartet ist. Die Strömung ist auch hier ziemlich flott und ich muss mich beeilen, damit mich der Hauptstrom nicht ins Wildwasser lenkt. Ich bin schon fast am rettenden Ufer, als mich die Strömung wieder von der angepeilten Schotterinsel wegzieht. Dima wusste das aus eigener Erfahrung und springt mir ein Stück entgegen, um das Boot zu halten – das war wirklich knapp!
Nun stehen wir wieder beisammen mit all unserem Gepäck auf einer kleinen Schotterbank inmitten des Flusses. Der Pegel ist inzwischen gestiegen – alles steht im Wasser, aber es gibt noch keinen Grund zur Sorge. Wir tragen unser Gepäck und die Räder ohne Hast durch den letzten Nebenarm und sind endlich auf der anderen Flussseite. Mehr als fünf Stunden haben wir für die Querung gebraucht! Nun können wir unsere Radreise fortsetzen auf einem Weg, der einst zu Sowjetzeiten erbaut wurde, aber inzwischen schon so verfallen ist, dass ihn niemand mehr benutzt. Einige Teile des Weges sind schon komplett verschwunden – vom Fluss einverleibt oder von Hangrutschungen verschüttet. Tierpfade an den Berghängen oder direkt im Flussbett bilden dann die einzigen Verbindungssegmente. Doch die Furt durch den Uch-Köl ist bei weitem das größte Hindernis auf dieser Strecke. Ohne ein Packraft hätten wir sie nicht bewältigen können.

Richard Löwenherz      


Uch-Köl Passage mit aktueller Lage der Schotterbänke (Kartengrundlage: wikimapia.org)

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