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Bikerafting in Sibirien...
Durch wegelose Wildnis nach Tuva

Die Idee einer Querung des Sajan- und Altaigebirges war schon ein paar Jahre alt. Immer wenn ich eine Karte vom südlichen Sibirien vor mir hatte, wanderte mein Finger eine bestimmte imaginäre Linie entlang: von der Südspitze des Baikalsees auf der einzig existierenden Stichstraße direkt in den Ostsajan, dann über ein größeres Gebiet unzugänglicher Taiga, in dem es immerhin ein paar Trapperpfade zu geben schien, und weiter in das von mehreren Gebirgszügen umrahmte steppenhafte Tuva-Becken; von da dann weiter entlang des südlich angrenzenden Tannu-Ola-Gebirges und über den östlichen Altai bis zum Chuiski-Trakt, einer Hauptstraße, die aus dem zentralen Altai wieder nordwärts hinaus führt. Diese Route zu gehen, war lange Zeit mein Traum, und ich wollte sie in einem Ritt auf eigene Faust bewältigen.
Allerdings bereitete mir der wegelose Abschnitt zwischen Ostsajan und Tuva-Becken etwas Kopfzerbrechen, denn es gab für mich wie auf bisherigen Touren ein bevorzugtes Fortbewegungsmittel: das Fahrrad. Mit selbigem war ich nun schon mehrfach in Russland, Sibirien und Zentralasien unterwegs gewesen. Im kirgisischen Tienschan ging es dabei auch mal einige Tage wegelos durch enge Flusstäler und über steile Bergpässe – auf Tierpfaden schiebend oder tragend, nie aber mehr als 50 km am Stück. Der Part durch die Taiga des Ostsajans war aber mit etwa 200 km um einiges länger – ein bepacktes Fahrrad hier vielleicht zwei bis drei Wochen auf wilden Fußpfaden durch die Wälder zu zerren, kam mir dann doch etwas heftig vor.
Wie also da durch? Die Antwort kam, als ich vor zwei Jahren auf das Thema Packrafting stieß: kombinierte Land-Wasser-Reisen mit superleichten, aber robusten Schlauchbooten. Die Möglichkeit, auch Wasserwege mit in die Routenplanung einer Radtour einzubeziehen, warf ein ganz neues Licht auf mein Vorhaben. Denn ein Packraft – leicht und klein genug, um es als normales Gepäckstück mitzuführen – würde mir als Radreisenden plötzlich das Überwinden von unüberwindbar erscheinenden Wildnisregionen ermöglichen. Ich legte mir ein Packraft von Alpacka zu, genaugenommen den Explorer 42. Dieser Zweier erfüllte genau meine Ansprüche, da er in der Solonutzung locker mit allem beladen werden kann: Fahrrad, Ausrüstung für vier Jahreszeiten und Proviant für mehrere Wochen. Insofern hatte ich mich damit schon für ein richtiges Expeditionsraft entschieden, mit dem ich richtig lange autark unterwegs sein kann. Ein paar mehrtägige Probetouren in Polen (Dunajec, Pilica, Pliszka, Drawa) haben mich letztlich überzeugt, es auch in abgelegenen Gebieten Sibiriens einzusetzen.

Der Plan war nun, den wegelosen Part vom Ostsajan ins Tuva-Becken mit einer Flussfahrt zu überbrücken. Es gab sogar mehrere Varianten in Ost-West-Richtung: Belin – Kyzyl-Hem – Ka-Hem (südliche Route), Bij-Hem (mittlere Route) und Izig-Sug – Hamsara (nördliche Route). Ich bat einen erfahrenen Russlandrafter um Rat und bekam den Tipp, dass die nördliche Variante über den Fluss Hamsara die einfachste sei. Zumindest hätten die anderen Flussrouten zwischenzeitlich anspruchsvolles Wildwasser der Kategorie IV und V, was viel Erfahrung und ein dafür taugliches Raft voraussetzt – beides hatte ich nicht, denn der Explorer ist nur für einen Einsatz bis Wildwasser III gedacht. Aber auch für die nördliche Route gab es Hinweise auf Stromschnellen der Kategorie IV, das zumindest deutete der Internetbericht eines russischen Rafterpaars an. Außerdem blieb zu bedenken: was für einen großen Katamaran Kategorie III ist, kann für ein Packraft auch IV oder V bedeuten...
Zunächst war ich mir nicht sicher, ob ich es wagen sollte, immerhin wäre es mein erstes Wildnisrafting, dazu noch im Alleingang. Doch dann schaute ich mir ein paar Youtube-Videos an, um einen Eindruck von der Flussdynamik der Hamsara zu bekommen, übersetzte mir mit Google-Translator eine knappe Beschreibung der Route und versuchte die dort erwähnten kritischen Stellen sowie alle in den Google-Satbildern erkennbaren Stromschnellen bestmöglich auf den von mir vorbereiteten topographischen Karten im Maßstab 1:100.000 zu verorten – und fasste im Spätsommer 2014 den Entschluss, es doch zu wagen...

Die Umsetzung der Tour verlief letztlich ohne Probleme, überall bin ich relativ gut durchgekommen. Keine der Stromschnellen musste am Ufer umgangen werden, alle waren auf Anhieb passierbar. Nur eine kritische Situation gab es, als ich im verblockten Wildwasser des Izig-Sug an einen Fels gedrückt wurde und das Boot ruckzuck voll lief. Dabei wäre mir der noch ungesicherte Schlafsack, den ich als Sitz ins Boot geklemmt hatte, beinahe abgehauen...
Wildwasser war vor allem im oberen Izig-Sug ein Thema, da ich hier mit dem größten Flussgefälle zu tun hatte. Am dritten Raftingtag waren das beispielsweise 130 Höhenmeter auf nur 16 km. Es gab viel Steinkontakt, einige Male bin ich auch sitzen geblieben. Die größeren Felsen, die deutlich aus dem Wasser ragten, ließen sich aber meist gut umgehen. Trotz Beladung mit etwa 70 kg Gepäck blieb der Explorer stets wendig genug. Nur mit vollgeschwappten Boot wurde die Navigation etwas träger.
Ab dem Zufluss des Choigan-Hem wurde es ruhiger, ja fast schon still. Aktives Paddeln war angesagt, vor allem auf den nun folgenden zwei Seen Ustju-Deerlig-Hol und Aldy-Deerlig-Hol. Leider gab es fast ständig spürbaren Gegenwind, so dass ich nur mit Mühe etwa 1 km/h halten konnte; sobald ich stoppte, trieb ich sofort zurück... Die Abend- bzw. Morgenflaute war hier die einzige Chance, vorwärts zu kommen.
Danach begann der Fluss Hamsara. In einer Schlucht aus basaltischer Lava musste ein 5 m hoher Wasserfall umtragen werden, es war der wohl eindrucksvollste Ort der gesamten Flussroute. Am Folgetag erwischte mich das erste Mal der sibirische Winter und das Mitte September. Schneeflocken, groß wie Toastbrote, flatschten mir auf das Boot. Der Fluss dampfte, bei wenig Sicht rauschte ich durch etliche Stromschnellen. Ohne Trockenanzug wäre ich spätestens hier erfroren...
Dann ein kleines Dorf namens Chasylar, total abgeschnitten von der Außenwelt traf ich hier die ersten Tuviner. Einen Einkaufsladen gab es nicht, auf Nachfragen schenkte man mir aber selbstgebackenes Brot, was mir hier draußen wie ein Luxusgut vorkam. Dahinter folgten die Stromschnellen, die in der von mir übersetzten Flussbeschreibung speziell hervorgehoben wurden: die Kucyj-, Rjaboj- und Kizhi-Hemski-Schwelle. Das Wildwasser unterschied sich aber kaum von dem, was mir bisher unterkam. Möglich, dass mir der Niedrigwasserstand des Herbstes zu Gute kam, bei Hochwasser würden die Wellen sicher etwas größer sein.
Einen Nachteil hatte der geringe Wasserstand aber auch: die ruhigen Bereiche der Hamsara lagen fast still da und so war zwischenzeitlich wieder viel Paddelarbeit notwendig. Erst zum Schluss wurde der Fluss wieder etwas flotter, gute 40 km schaffte ich an meinem letzten Raftingtag. Am Unterlauf traf ich derweil immer mehr Menschen, die mit schmalen Motorbooten flussaufwärts fuhren und ihr Anglerglück versuchten. Aber auch am Oberlauf und bei der Passquerung zum Fluss traf ich gelegentlich auf Einheimische oder Eingeflogene, die längste Zeit ohne jeglichen Kontakt betrug nur vier Tage.
Nach insgesamt 13 Tagen und mehr als 300 km auf dem Wasser erreichte ich schließlich die erste Piste in Tuva. Ich hatte sie zuvor auf den Google-Satbildern lokalisiert, auf den Karten ist sie bis heute nirgendwo verzeichnet. Bis zum nächsten Versorgungsposten, dem Gebiets-Zentrum Toora-Hem, waren es dann noch zwei Tage. Seit dem letzten in Burjatien, dem Gebiets-Zentrum Orlik, war ich fast drei Wochen autark unterwegs gewesen.
Alles lief soweit nach Plan, nur die Passquerung zum Izig-Sug hatte mich etwas mehr Zeit gekostet, vor allem das letzte Stück auf Wanderpfaden. Wurzeln über Wurzeln und etliche umgestürzte Bäume ließen mich am Ende nur noch 5 km am Tag vorankommen. Zu Fuß wäre das sicher einfacher gewesen, aber rückblickend war ich froh, mein Rad als Sherpa dabei zu haben, denn 50 kg Gepäck auf dem Rücken zu schleppen, hätte mir auch nicht besser gefallen. Außerdem wollte ich ja noch weiter in den Altai, ein Monat blieb mir noch dafür. Doch das ist eine andere Geschichte...

Richard Löwenherz      

Ausrüstung für die Flussfahrt

Boot: Alpacka Raft Explorer 42 mit Blasesack und Rundumleine (2900 g)
Paddel: Advanced Elements Packlite 4-teilig (1130 g)
Trockenanzug: Anfibio Packsuit basic mit Füßlingen (1000 g)
Schwimmweste: Anfibio Buoy Boy (340 g)
Neoprenhandschuhe (120 g)

insgesamt 5,5 kg
zusätzlich zur üblichen Radreiseausrüstung


Gepäckverteilung während der Flussfahrt

Bericht im Packrafting-Blog (www.packrafting.de)...

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© 2008 by Richard Löwenherz