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Auf Schneemobilpisten durch Schwedisch Lappland...
Mit Fahrrad und Rollpulka zum Kebnekaise und über den Torneträsk

Wie man eine längere Radtour auf Schneemobilpisten realisiert, beschäftigte mich spätestens seit der letzten großen Winterreise durch Nordrussland 2010. Damals landete ich ungeplant in einer Sackgasse, aus der nur solche Pisten wieder hinausführten und das auf 120 km Länge. Mit meinem maßlos überladenen Fahrrad hatte ich aber keine Chance, darauf zu fahren. Selbst auf den gut verpressten Abschnitten gruben sich die Räder immer noch so tief in die Schneeoberfläche, dass ich nur mit Mühe vorwärts kam. Mit breiteren Reifen und einer besseren Gepäckverteilung hätte ich sicherlich bessere Chancen gehabt. Ein Fatbike und eine Pulka als Anhänger wäre wohl die perfekte Kombination für eine derartige Tour, so mein Fazit.
Allerdings war ich nicht bereit, für ein Fatbike eine Geldsumme aufzubringen, mit der ich die damalige Tour durch den nordrussischen Winter viermal wiederholen könnte. Auch eine richtige Pulka war mir zu teuer und obendrein zu sperrig, da sie ja nur ein ergänzendes Gepäckstück sein sollte. Also blieb ich bei meinem 08/15-Rad und legte mir lediglich eine leichte verpackbare Rollpulka zu, auf der ich je nach Bedarf einen Teil des Gepäcks auslagern kann, notfalls auch alles vom Rad (dann mit Rucksack auf dem Rücken).
Im Februar 2015 wollte ich schließlich einen ersten Test wagen und zwar auf dem Kungsleden im Umfeld des höchsten Bergs Schwedens, dem Kebnekaise. Hier würde ich auch bei nur acht Reisetagen eine schöne Runde drehen können, sofern die Schneemobilrouten ausreichend vorgespurt und auch mit einem einfachen Rad befahrbar sind. Zudem hoffte ich in dieser Ecke Lapplands auf stabilen Frost, denn dauerhaftes Winterwetter war zu jener Zeit nirgendwo in Skandinavien garantiert. Wie sich zeigte, hatte ich bezüglich Ort und Zeit die richtige Entscheidung getroffen...

Kebnekaise

Nach den trüben und oft nullgradigen Eistouren der vergangenen beiden Jahre 2013 und 2014, war diesmal alles dabei, was ich an einer Wintertour schätze: trockenes Wetter, knackige Kälte, herrliche Winterlandschaften, stimmungsvolle Dämmerungen und als Krönung jede Nacht Polarlichter (außer einmal, da war es durchweg bewölkt). Obwohl es nur acht Radeltage waren, hat es sich definitiv gelohnt, bis nach Kiruna zu fliegen. Was die winterlichen Temperaturen angeht, war die Ecke tatsächlich die kälteste in ganz Skandinavien, drumherum gab es im Verlauf richtig milde Temperaturen, am Ende teilweise deutlich im Plusbereich, während sie bei mir gerade mal die 0 Grad-Marke kratzten und nachts wieder auf -10 bis -15 fielen.
Am kältesten war es auch gleich zu Beginn der Tour, schon die erste Nacht im Freien brachte es auf -24 Grad. Da ich diesmal nur meine Wanderschuhe dabei hatte und noch nicht an die Kälte adaptiert, musste ich mir am Morgen ungefähr eine halbe Stunde die Füße warmlaufen. Tagsüber blieb es dann bei -10 und kurz nach Sonnenuntergang waren es schon wieder -22 Grad, so dass mir während der Fahrt kleine Eisperlen an den Wimpern wuchsen. Die zweite Nacht war dann mit -30 Grad auch die kälteste, ließ sich aber aufgrund der fortgeschrittenen Adaption schon besser ertragen als die erste.
Von Kiruna bin ich gleich am ersten Radeltag bis kurz vor Nikkaluokta gefahren, am zweiten stand ich dann schon auf der beginnenden und erfreulicherweise gut frequentierten Schneemobilpiste zur Kebnekaise fjällstation. Ich war immer bis weit in die Nacht unterwegs, da die Sonne schon etwa zwischen 15.30 und 16 Uhr unterging. Dafür dauerte aber die Dämmerung richtig lange – ganze drei Stunden, ehe das letzte Restlicht im Westen verschwand. Ab etwa 20 Uhr setzte dann fast regelmäßig ein grünliches Glühen am Nordhorizont ein, das mit der Zeit den Himmel emporstieg und mit aufleuchtenden Bögen oder Strahlen Gestalt annahm. Das dabei erzeugte Licht reichte aus, die umliegende Schneelandschaft soweit zu erhellen, dass man sich gut orientieren konnte, obwohl gerade Neumond war. Auf jeden Fall war das eine herrliche Stimmung, unter dem Polarlicht durch diese stille abgelegene Wildnis zu fahren, das hatte was.
Gleich am Beginn der Schneemobilpiste rollte ich auch die neue Pulka zu einem ersten Test aus, da der Schnee doch etwas weich und schwer zu fahren war. Rucksack und Zelt lagerte ich aus, um das Rad zu erleichtern, doch geholfen hat es nichts, ich musste weiter schieben. Erst als ich im Dunkeln auf die gefrorenen Seen und Sümpfe gelangte, besserte sich die Schneesituation und ich konnte über lange Strecken problemlos fahren. Freiflächen hatten offenbar einen positiven Effekt auf die Schneeverfestigung. Auch am Folgetag bin ich im Tal noch einige Kilometer gefahren (davon gibt es ein paar Videoaufnahmen, die Verlinkung findet sich ganz unten). Erst als es zur Bergstation hoch ging, musste ich wieder zu Fuß gehen.
An der Station traf ich ein paar Angestellte, aber interessanterweise keine Touristen. Warum, wurde mir kurz darauf erläutert: die Saison beginnt hier erst am 6. März und auch der Kungsleden sollte erst in einer Woche eröffnet werden... Das bedeutete, dass noch niemand den Weg gespurt hat, den ich weitergehen wollte. Lediglich zwei Schneemobile sind am Tag zuvor zur nächsten Hütte, der Singistugorna, gefahren – wenigstens bis dahin wollte ich es noch versuchen, sofern die zwei Spuren ausreichend fest bleiben würden. Tatsächlich konnte ich weitergehen, teilweise auch fahren, da der Schnee hier von Wind und Wetter generell so verpresst war, dass sogar abseits der Spur ein Vorankommen möglich war. Allerdings gab es dort immer wieder weiche Stellen, an denen ich einsackte, oft auf der Leeseite kleiner Schneewehen.
Als ich bei stockfinsterer Nacht das tief eingeschnittene Durchgangstal erreichte, frischte auf einmal der Wind auf – schön kanalisiert aus Südwest, also genau von vorn und ausgerechnet hier gab es weit und breit keinen Schutz mehr. Irgendwann machte ich aber ein paar Schatten rechts der Piste aus: Felsen, die aus dem Schnee ragten. Ich hatte Glück, an einem größeren gab es einen freigeblasenen Windkanal, daneben eine meterhohe Schneewehe. Auch jetzt blies der Wind hier durch, aber für das Zelt fand sich ein geschützter Platz hinter einem schrägen Felsblock. Als alles stand, ging es wieder los mit Polarlichtern, diesmal ein Lichtspektakel, das mir glatt den Atem verschlug. Ich bin mit Kamera und Stativ herumgesprungen, wie auf meiner ersten Polarlichtreise 2001. Bögen, Strahlen und Wirbel breiteten sich über den ganzen Himmel aus und flammten immer wieder hell auf – nicht nur in grün, auch in rot, gelb und bei raschen Bewegungen sogar violett. Richtig klasse war der Blick in die Korona, also direkt von unten ins Polarlicht hinein. Und das alles in einer winterlichen Hochgebirgsszenerie, die mir wie das Basecamp am Mount Everest vorkam.
Nachts hatte der Wind ein paar Stunden pausiert, am Morgen pustete er mit einem Schlag wieder kräftig aus der Richtung, wo ich hin wollte – diesmal sogar mit Schneedrift, die meinen Lagerplatz allmählich einzuckerte und auch in das Innere meines Zeltes wehte. Bei Aufbruch legte sich die Brise wieder, dafür zogen dichte Wolken mit Schneefall auf. Die Piste war nun komplett verweht und im diffusen Tageslicht kaum noch erkennbar. Zudem wurde der Schnee innerhalb des Tals immer weicher und damit auch das Schieben beschwerlicher. Irgendwann sah ich keinen Sinn mehr darin, weiterzumachen und entschied mich zur Umkehr. Die Pulka nahm ich jetzt auf den Rücken, es lag nur noch der Rucksack drauf, den ich mir kurzerhand umschnallen konnte. Abwärts würde mir die Pulka nämlich ständig ins Rad knallen oder mich überholen, wobei sich die Zugleinen ruck zuck ums Hinterrad wickeln und selbiges blockieren, das grobstollige Profil greift da ziemlich schnell nach der dünnen Leine. Am Vortag hatte es mir auf diese Weise schon einen Karabiner von der Zugleine gerissen...
Ab der Kebnekaise fjällstation hoffte ich wieder auf passable Fahrbedingungen, immerhin sollte es ja nun abwärts gehen, doch ein Raupenfahrzeug, dass am Vortag zwei schwere Container zur Station hievte, hatte die Piste oberflächlich aufgewühlt. Also weiter zu Fuß, erst auf den gefrorenen Seen und Sümpfen im Tal war Fahren wieder möglich, im Wald musste ich dann wieder Schieben, wobei die Ursache hier wie hinzu der generell weichere Schnee war. Ich könnte mir vorstellen, dass bei solchen Bedingungen (feste Piste, oberflächlich weicher Schnee) ein Fatbike von Vorteil wäre, an längeren Anstiegen müsste man aber auch damit schieben. Die Pulka hatte diesbezüglich keinen Vorteil, sie entlastet zwar das Rad und erleichtert immerhin das Ausbalancieren beim Schieben oder Fahren, aber die verminderte Bremswirkung der nicht mehr so tief einsinkenden Räder wird gefühlt wieder durch die Zugwirkung der hinterherschleifenden Pulka kompensiert – man muss also letztlich genauso viel Kraft aufwenden, um vorwärts zu kommen.
Da es ein Rückweg war, zudem insgesamt abwärts, hab ich die ganzen 25 km Schneemobilpiste zurück nach Nikkaluokta an einem Tag weggerissen, soviel scheint also trotz längerer Schiebepassagen drin zu sein. Ab dem Abend gab es auch wieder Polarlicht ohne Ende, schon in der Dämmerung ging es los, ein ganz anderer Lichteffekt als hinzu, da kam mir die Strecke nicht langweilig vor. Zurück an der Straße übernachtete ich ausnahmsweise mal in einer Rastplatzhütte. Durch oberschenkeltiefen Schnee trat ich mir einen Zugang, 50 m können echt weit sein... Ausgerechnet in dieser Nacht war es dann draußen milder als in der Hütte – man kann es eben nicht kalt genug haben ;))
Leider gab es auch schon die ersten technischen Probleme: die Pumpe vom Benzinkocher hatte bereits in den Fjälls den Geist aufgegeben, daher ließ sich in der Brennstoffflasche kein neuer Druck mehr aufbauen. Also köchelte ich erstmal mit dem Restdruck weiter und vorsichtshalber auch nur Tee – Flüssigkeit hatte Priorität, denn zu Essen hatte ich noch Brot, ein bisschen Wurst und sogar Käse (bei Minustemperaturen aber hart wie Stein), dazu Kekse, Nüsse und Trockenobst. Auf dem Rückweg nach Kiruna fing dann auch meine Vorderradfelge an zu bersten, offenbar durchgebremst. Zwischen Spikereifen und Felgenriss hab ich dann einen Reifenflicken geklemmt, damit sich nichts aufscheuert und bin mit ausgehangener Bremse einfach weiter. Aus Erfahrung wusste ich, dass man mit so einem Riss noch ein ganzes Stück fahren kann, abhaken wollte ich die Tour damit jedenfalls nicht. Viel wichtiger war da eine neue Kocherpumpe.
In Kiruna bin ich dann kreuz und quer durch die Stadt gefahren, hab jedes Sport- und Jagdgeschäft abgeklappert, aber keines hatte Ersatz für meine defekte Pumpe. Nagut, dann müsste ich mir ab sofort eben ein richtiges Feuer machen, um Schnee zu tauen, oder unterwegs Leute nach heißem Wasser anbetteln. Am Ende brauchte ich aber weder das eine noch das andere, der Restdruck in der Brennstoffflasche hat tatsächlich noch bis zum letzten Tag gereicht, am Ende aber mit Hilfe der Körperwärme (unterm Pullover vorgewärmt und beim Kochen mit Händen nachgewärmt). Ein paar Tage hatte ich noch und die wollte ich nicht sinnlos verstreichen lassen, also ließ ich mich mit Bus zum See Torneträsk bringen, um von dort auf einer abgelegenen Schneemobilroute zurück nach Kiruna zu gelangen.

Torneträsk

Als mich der Busfahrer irgendwo am Straßenrand aussetzte (es gab keinen offiziellen Halt zwischen Kiruna und Abisko), dämmerte es schon. Von der E10 rollte ich direkt runter zum Torneträsk und fand sofort den Beginn der Schneemobilpiste, die von hier etwa 10 km über den gefrorenen See führen sollte. Die Route war mit Zweigen markiert und scheinbar regelmäßig frequentiert, trotzdem war kein Fahren möglich. An vereisten Stellen versuchte ich es immer wieder, doch schon nach wenigen Metern war der Schnee wieder zu weich. Lag es am Wetter, an den neuerdings recht milden Temperaturen (tags bis nahe 0, abends jedoch wieder unter -10 Grad)? Oder an der generellen Schneesituation in diesem Gebiet? Ich hätte erwartet, dass gerade auf dem See der Schnee schön fest ist, das war er streckenweise auch, man konnte an manchen Stellen auch abseits der Piste auf dem Schnee laufen, nicht aber so gut wie in den Fjälls. Bei solch suboptimalen Bedingungen war ich natürlich sehr langsam und brauchte für die Seequerung schließlich 3-4 Stunden. Die Stimmung war aber fantastisch: erst die blaue Stunde der Abenddämmerung, dann der klare Sternenhimmel und zum Schluss wieder ein bisschen Polarlicht; unter all dem man selbst auf dieser weiten Schneefläche in Stille und Abgeschiedenheit... Bei Ankunft am anderen Ufer hab ich mein Zelt direkt auf dem See aufgeschlagen, einerseits wegen der schönen Aussicht, andererseits weil hier stellenweise der Schnee so hart war, dass ich mir den Lagerplatz nicht freitreten musste.
Die Fortsetzung der Schneepisten an Land war leider nicht besser und so machte ich wieder Kehrt, denn abgesehen von der sinnfreien Schinderei hätte ich es so nicht mehr rechtzeitig zurück nach Kiruna geschafft. Immerhin, die Piste existiert, wie mir ein Saami erzählte, der mir bei der Rücküberquerung des Sees auf einem Schneemobil entgegen kam. Er bestätigte auch nochmal, dass die Bedingungen dort genauso wären wie auf dem See, seiner Meinung nach wegen des aktuellen Wetters, es müsste kälter sein, damit sich der Schnee richtig festfährt. Ein paar mal traf ich ihn und einige seiner Freunde noch, da sie Baumaterial für eine Sauna in eines der kleinen Sommerdörfer brachten. Trotz dieser zusätzlichen Fahrten, verbesserte sich der Pistenzustand kein bisschen, er wurde teilweise sogar schlechter, weil sich der Schnee an der Oberfläche weiter lockerte. Ich vermute mal, dass Temperaturen ab -5 Grad aufwärts keine vernünftige Schneeverfestigung mehr zulassen, das war mir damals in Nordrussland auch aufgefallen, da bekam ich bei nur noch leichten Minusgraden plötzlich Schwierigkeiten, den Schnee am Lagerplatz festzutreten, was bei kälteren Temperaturen immer ganz gut geklappt hatte. Würde es tagsüber tauen und nachts frieren, wäre der Effekt zumindest auf den vorgespurten Pisten wieder positiv, doch dann müsste man nachts oder am Morgen fahren...
Nach drei Stunden auf der Piste erreichte ich wieder die E10 und radelte noch bis Abisko, um von dort wieder den Bus zurück nach Kiruna zu nehmen. Die Radmitnahme gestaltet sich hier im Norden vollkommen unkompliziert, da die Gepäckfächer so groß sind, dass man das bepackte Rad als ganzes reinlegen kann. Auf ein lästiges Abpacken und Demontieren des Rades, wie man es bei einer Zugfahrt machen müsste, kann man also beim Bus fahren verzichten. Die Fächer sind sogar so groß, dass mehrere Räder reinpassen würden, vorausgesetzt, sie sind leer, was bei mir (noch vor der Hauptsaison) der Fall war, da gab es nur 2-5 Leute, die mitgefahren sind und quasi keine Koffer.
In Kiruna erlebte ich dann aber schon eine richtige Touristen-Invasion aus Asien, die meisten wollten nur für kurze Zeit bleiben, ein Polarlicht sehen und das Eishotel besuchen. Entsprechend waren auch alle Hostels voll, als ich am Abend vor dem Rückflug noch eine feste Unterkunft mit Dusche suchte. In einem Hotel (Camp Ripan) war tatsächlich noch was frei, allerdings für mehr als 1000 Kronen (weit über 100 Euro)! Zum Glück gab es auch einen Zeltplatz, auf dem ich für 195 Kronen (22 Euro) die Nacht verbringen durfte, wobei es mir eigentlich nur um die Dusche und einen Platz zum Ausrüstung umsortieren ging. Im Servicegebäude war genau dies alles möglich und so bin ich zum Erstaunen der Rezeptionsdame schon am selben Abend wieder ausgecheckt und zu meinem ersten Nachtplatz dicht am Flughafen gefahren, da hatte ich meine Ruhe und die Fläche war auch schon freigetreten...

Richard Löwenherz      

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